Bilanzen lesen und verstehen – Das musst du wissen!

Das Lesen und Verstehen von Bilanzen ist ein essenzieller Bestandteil der Fundamentalanalyse. In diesem Artikel erfährst du, was eine Bilanz ist, wie sie aufgebaut ist und bei welchen Positionen große Risiken bestehen. Also aufgepasst, kleine Fehler können dich nämlich schnell mal ein kleines Vermögen kosten.

Was genau ist eine Bilanz?

Die Bilanz ist neben der Gewinn- und Verlustrechnung, sowie der Kapitalflussrechnung einer der wichtigsten Bestandteile des Geschäftsberichtes. Das Vermögen und die Schulden eines Unternehmens werden in der Bilanz gegenübergestellt.

Eine Bilanz besteht aus zwei Seiten. Der Aktivseite mit den Vermögenswerten des Unternehmens und der Passivseite mit den Schulden. Die Aktivseite umfasst dabei unter anderem das Anlagevermögen und das Umlaufvermögen. Auf der Passivseite kannst du dagegen, das Eigenkapital, die Rückstellungen und die Verbindlichkeiten eines Unternehmens finden.

Bilanzen lesen und Verstehen für Value Investoren

Eine Bilanz ist in der Regel immer ausgeglichen. Das heißt, dass der Betrag auf den Aktiva (die Bilanzsumme) immer genauso hoch seien muss wie der Betrag auf den Passiva.

Warum ist es wichtig Bilanzen lesen und verstehen zu können?

Bilanzen haben oft ein großes Potenzial für böse Überraschungen, besonders wenn es zu irgendwelchen außerplanmäßigen Abschreibungen oder Wertberichtigungen auf der Aktivseite kommt. In diesem Fall bist du als Aktionär/Eigenkapitalgeber besonders von diesen Veränderungen betroffen, da sich diese Veränderungen immer im Eigenkapital niederschlagen. Brennt zum Beispiel ein Fabrikgebäude deiner Firma ab, reduziert sich in dieser Folge das Sachanlagevermögen auf der Aktivseite und gleichzeitig dein Eigenkapital auf der Passivseite.

Wichtig ist auch, dass es viele Möglichkeiten gibt, um die Aktiva einer Bilanz künstlich aufzublähen. Zum Beispiel durch Goodwill oder selbst geschaffene immaterielle Vermögenswerte. Ebenso gibt es Manager die Bilanzen illegal fälschen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Enron Skandal aus dem Jahr 2001. Dort verschleierte das Management Schulden in Höhe von ca. 30 Mrd. USD durch sogenannte Zweckgesellschaften.

Im Folgenden erfährst du deshalb, welche Positionen du dir in einer Bilanz genauer ansehen solltest und wo genau erhebliche Risiken bestehen. Dabei werden die Positionen auf der Aktivseite von denen auf der Passivseite abgegrenzt.

Die Aktiva einer Bilanz

Die Aktivseite der Bilanz zeigt dir, welche Vermögensgegenstände ein Unternehmen besitzt. Dabei sind die Vermögenswerte in absteigender Reihenfolge, je nach ihrer Liquidität geordnet. Deshalb stehen beispielsweise Grundstücke oder Immobilien ganz oben in der Bilanz, wohingegen Bank- und Kassenguthaben fast immer an letzter Stelle zu finden sind.

In den Aktiva besteht bei einigen Positionen die Gefahr einer Fehlbewertung, durch die sich dein Eigenkapital im Falle von Abschreibungen verringern könnte. Allerdings ist dies in seltenen Fällen auch in der anderen Richtung möglich. So besteht für dich genauso die Chance verborgene Vermögenswerte zu finden, die vielleicht zu wesentlich geringeren Beträgen in der Bilanz stehen, als sie wirklich wert sind. Dies ist bei Grundstücken gelegentlich der Fall, da steigende Grundstückpreise in der Bilanz nicht aufgewertet werden dürfen.

Immaterielle Vermögenswerte

Immaterielle Vermögenswerte sind Güter, die nicht von physischer Natur sind. Dazu zählen beispielsweise Patente oder Nutzungsrechte. Aufpassen musst du hier immer, wenn eine Firma selbst geschaffene immaterielle Vermögenswerte aktiviert. Diese Praxis ist zwar in vielen Bereichen verboten in einigen allerdings immer noch erlaubt. Solange dies nur im kleinen Stil geschieht, musst du dir darüber keine größeren Sorgen machen. Sobald aber selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände einen beachtlichen Teil der Bilanz darstellen, sollten bei dir die Alarmglocken läuten.

Goodwill / Firmenwert

Der Goodwill oder Firmenwert ist eine weitere Größe in der Bilanz, bei der du äußerst skeptisch sein solltest. Genauso wie andere immaterielle Vermögenswerte hat nämlich auch der Goodwill keinen realen Gegenwert. Er ist lediglich als Differenz zwischen dem Kaufpreis eines Unternehmens und der Summe der erworbenen Vermögenswerte bei einer Firmenübernahme zu verstehen. Aus diesem Grund solltest du den Goodwill fast immer aus dem Eigenkapital herausrechnen.

Besonders gefährlich am Goodwill ist, dass dieser häufig dann abgeschrieben wird, wenn es im Unternehmen nicht besonders gut läuft. So kam es zum Beispiel bei Kraft Heinz im Februar 2019 zu einer Goodwill Abschreibung von 15,4 Mrd. USD und einem daraus resultierenden Kurssturz von ca. 30%.

Sachanlagen

Sachanlagen sollten ebenso wie immaterielle Vermögenswerte dem Unternehmen langfristig zur Verfügung stehen. Unter diesen Punkt fallen vor allem Grundstücke, Immobilien oder Maschinen. Die Bewertung dieser Gegenstände ist in der Regel umfangreich über die entsprechenden Rechnungslegungsstandards (IFRS, US-GAAP) abgedeckt. Folglich gibt es bei diesen Positionen selten Risiken. Wie oben bereits angesprochen besteht allerdings die Möglichkeit stille Reserven zu finden.

Vorräte / Lagerbestand

Die Vorräte gehören in der Bilanz zu den kurzfristigen Vermögenswerten. An diesem Punkt ist besondere Vorsicht geboten, wen dir ein starker Anstieg der Lagerbestände ins Auge springt. Wenn dieser Anstieg gleichfalls mit steigenden Umsätzen einhergeht, ist das ganze kein Problem. Ist dies allerdings nicht der Fall, kann es sein, dass das Unternehmen unter Absatzschwierigkeiten leidet.

Ebenso ist es möglich, dass in diesem Falle die Gewinne des Unternehmens real deutlich geringer ausfallen als ausgewiesen. Das kannst du überprüfen, wenn du dir in der Gewinn- und Verlustrechnung den Punkt „Bestandsveränderungen an fertigen und unfertigen Erzeugnissen“ ansiehst. Diese Position solltest du dann vorsichtshalber vom Gewinn abziehen, da noch keine Kunden diese Produkte gekauft haben und der Gewinn nur aufgrund der Verarbeitung ausgewiesen wird. Es kann allerdings auch andere Gründe für den Anstieg von Lagerbeständen geben. Schaue also einfach mal nach, ob es im Geschäftsbericht vielleicht eine Erklärung dazu gibt.

Bankguthaben & Kassenbestände

An diesem Punkt gibt es nur eins zu sagen: Dein Unternehmen sollte liquide bleiben und deshalb immer genug liquide Mittel besitzen. Eine entscheidende Größe um dies zu kontrolieren ist das Current Ratio, worüber du später im Abschnit über Kennzahlen mehr erfährst.

Die Passiva einer Bilanz

Auf der Passivseite der Bilanz erfährst du, wie sich ein Unternehmen finanziert. Im wesentlichen wird zwischen Eigenkapital und Fremdkapital, wozu auch die Rückstellungen zählen, unterschieden.

Eigenkapital

An diesem Punkt interessiert dich eigentlich nur die Frage wie hoch das gesamte Eigenkapital im Unternehmen ausfällt. Dies ist nämlich das Kapital, welches dir als Aktionär zufällt. Die Unterscheidung zwischen gezeichnetem Kapital, Gewinnrücklage und Kapitalrücklage kann dir so gut wie egal sein. Wichtig ist nur, dass das Eigenkapital im Verhältnis zum Fremdkapital nicht zu klein wird. Ebenso ist es vorteilhaft, wenn das Eigenkapital im Laufe der Zeit stärker ansteigt als das Fremdkapital.

Fremdkapital

Das Fremdkapital ist einer der wichtigsten Faktoren in der Bilanzanalyse, weil es einen Hebel für das Firmengeschäft darstellt. Tatsächlich kann eine große Menge an Fremdkapital das Firmenergebnis in guten Zeiten stark anheben. Das Gegenteil ist allerdings auch in schlechten Zeiten der Fall. Du solltest daher darauf achten, dass eine Firma nie zu viel Fremdkapital besitzt. Idealerweise ist das gesamte Fremdkapital geringer als das gesamte Eigenkapital.

Bei den langfristigen Schulden eines Unternehmens, solltest du darauf achten, dass das Unternehmen auch realistisch in der Lage ist, diese Schulden im Zeitverlauf zurückzuzahlen. Für kurzfristige Verbindlichkeiten müssen auf der anderen Seite genügend liquide Mittel (Kassenbestände, Wertpapiere, usw.) zur Verfügung stehen, um nicht in eine Insolvenz zu rutschen. Der Anteil an Fremdkapital in einem Unternehmen sollte im Laufe der Zeit rückgängig sein.

Pensionsrückstellungen

Ein Pensionsplan ist ein Rentenplan, bei dem ein Arbeitgeber Beiträge in einen Fond einzahlt, die für die künftige Versorgung eines Arbeitnehmers im Ruhestand zurückgelegt werden.  Die eingezahlten Gelder werden im Namen des Arbeitnehmers investiert und die Erträge aus den Investitionen generieren dann Zahlungen für den Arbeitnehmer im Ruhestand.

Unterschieden werden dabei zwei Arten von Pensionsplänen, Leistungsorientierte Pläne (Defined-Benefit Plans) und Beitragsorientierte Pläne (Defined-Contribution Plans).

Bei Leistungsorientierten Plänen verpflichtet sich der Arbeitgeber dem Angestellten im Ruhestand bis an sein Lebensende einen monatlich festgesetzten Betrag zu zahlen. In diesem Fall ist es auch egal wie sich die investierten Gelder des Unternehmens im Zeitverlauf entwickelt haben, da das Unternehmen allein für die Risiken aufkommt.

Aufgrund der Unternehmensrisiken bei Leistungsorientieren Plänen werden von den meisten Firmen lediglich Beitragsorientierte Pläne für die Arbeitnehmer umgesetzt. Hier zahlt der Arbeitgeber zusätzlich zum Gehalt einen monatlichen Beitrag in einen Pensionsplan ein. Die Zahlungen, die der Arbeitgeber im Ruhestand erhält, sind dann allerdings von der Performance der investierten Mittel abhängig. Das Risiko liegt bei dieser Art des Pensionsplanes allein beim Arbeitnehmer.

Wenn ein Unternehmen seinen Arbeitgebern Beitragsorientierte Pensionspläne anbietet, ist dies kein so großes Problem. Ist dein Unternehmen aber zu hohen Leistungsorientieren Pensionsplänen verpflichtet und befindet sich in einem Turnaround Szenario (Restrukturierung oder Strategiewechsel) solltest du besser die Finger davonlassen.

Wichtige Kennzahlen um Bilanzen lesen und verstehen zu können

Im oberen Abschnitt hast du erfahren, was unterschiedliche Bereiche in der Bilanz darstellen und welche Gefahren von diesen ausgehen. Im Folgenden lernst du die vier Kennzahlen kennen, die dir helfen eine Bilanz zu lesen und besser zu verstehen.

Das Current Ratio zur Beurteilung der Liquidität

Das Current Ratio ist der Quotient aus den kurzfristigen Vermögenswerten (Umlaufvermögen) und den kurzfristigen Schulden. Es dient als Kontrolle der Liquidität in einem Unternehmen und ist eine der wichtigsten Value Investing Kennzahlen.

Diese Zahl sollte im Normalfall größer als eins sein. Das bedeutet, dass das Unternehmen alle kurzfristigen Schulden mit kurzfristigen Vermögenswerten finanzieren kann. Über drei sollte das Currend Ratio allerdings auch nicht liegen, da dies bedeutet, dass das Unternehmen das Umlaufvermögen nicht effizient nutzt.

Formel für das Current-Ratio zur Bilanzanalyse im Value Investing

Sollte diese Zahl etwas unter eins sein, musst du dir allerdings auch noch keine großen Sorgen machen. Schließlich besitzt jedes Unternehmen Kontokorrent Linien oder kann sich auch über Lieferantenkredite finanzieren. Gefährlich wird es erst, wenn du einen wirklich große Abweichung feststellen kannst.

Die durchschnittliche Lagerdauer der Vorräte

Solltest du bei den Vorräten den Verdacht schöpfen, dass diese ungewöhnlich hoch sind, kannst du die durchschnittliche Lagerdauer der Vorräte (Days Sales Inventory – DSI) berechnen.

Durchschnittliche Lagerdauer der Vorräte Formel

Die durchschnittliche Lagerdauer der Vorräte ist das Verhältnis der Vorräte zum Umsatz mit 365 Tagen multipliziert. Sollte dieser Wert, ebenso wie die Vorräte, stark ansteigen ist alle Achtung geboten. Dann hat das Unternehmen möglicherweise Absatzschwierigkeiten.

Eigenkapitalquote

Die Eigenkapitalquote zeigt dir, wie verschuldet ein Unternehmen ist. Zur Berechnung dieser Kennzahl musst du lediglich das Eigenkapital durch die Bilanzsumme teilen. Aber Achtung! Wenn das Unternehmen zu viel Goodwill oder andere immaterielle Vermögenswerte hat, solltest du diese vom Eigenkapital abziehen. Dasselbe gilt natürlich auch für alle anderen Positionen, die am Ende des Tages keinen wirklichen Gegenwert haben. Nach allen Korrekturen sollte die Eigenkapitalquote über 50% liegen. Ansonsten kann das Investment in stürmischen Zeiten sehr riskant werden.

Die Eigenkapitalquote sollte sich im Zeitverlauf am besten erhöhen oder konstant bleiben. Eine Verringerung ist immer ein schlechtes Zeichen, da der Trend hin zu einer höheren Verschuldung fortgesetzt werden könnte. Eine Ausnahme von dieser Regel kann gemacht werden, wenn das Management glaubwürdig aufzeigt, dass das zusätzliche Fremdkapital im Unternehmen profitabel investiert werden kann.

Eigenkapitalrendite (Return on Equity)

Die Eigenkapitalrendite ist das Verhältnis von Unternehmensgewinnen zu Eigenkapital und zeigt dir wie gut oder schlecht dein Eigenkapital im Unternehmen verzinst wird. Prinzipiell sollte dieser Betrag höhere sein als die durchschnittliche Rendite, die du am Kapitalmarkt erwarten kannst (8%). Doch auch bei dieser Zahl gibt es Tücken. So haben Unternehmen mit einem hohen Anteil an Fremdkapital auch eine wesentlich höhere Eigenkapitalrendite, die aber mit einem erhöhten Risiko einhergeht.

Eine Alternative zur Eigenkapitalrendite stellt die Kapitalrendite (Return on Assets) dar. Bei dieser Kennzahl wird der Unternehmensgewinn durch das gesamte Kapital geteilt, wodurch Unternehmen mit mehr Fremdkapital nicht mehr im Vorteil sind.

Fazit

Wie du siehst ist es von großer Wichtigkeit eine Bilanz lesen und verstehen zu können, da vor allem in den Positionen Fremdkapital, Goodwill und Vorräte größere Risiken für deinen Investmenterfolg stecken. Wenn du eine Bilanz gründlich unter die Lupe nimmst, kannst du viele Bilanzrisiken aber bereits im Voraus erkennen. Hier sind die wichtigsten Fragen, die du dir bei einer Bilanzanalyse stellen solltest, noch einmal aufgelistet:

      • Ist das Unternehmen liquide? (Current Ratio > 1)
      • Hat das Unternehmen ausreichend Eigenkapital (Eigenkapitalquote > 50%)
      • Steigen die Lagerbestände des Unternehmens stark an?
      • Wie hoch ist der Anteil an Goodwill oder selbst geschaffener immaterieller Vermögenswerte am Eigenkapital?

Hoffentlich hat dich der Artikel „Bilanzen lesen und verstehen“ weitergebracht. Solltest du sonst noch Fragen haben oder eine genauere Erklärung zu einem Punkt benötigen, kannst du gerne einen Kommentar hinterlassen.

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